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19.06.2010
100 Jahre Konrad Zuse (Wolfgang Back)

Der Erfinder des Computers wird am 22. Juni 1910  geboren – er wäre heute 100 Jahre alt.
von Wolfgang Back

Heute kann man schon einen Titel wie oben wählen, ohne im Untertitel erklären zu müssen, um wen es sich da überhaupt handelt. Dennoch will ich für die wenigen Mitmenschen, die nichts mit dem Namen anfangen können, eine kurze Erklärung geben. Konrad Zuse war der der Erste, der einen voll funktionsfähigen Computer baute. Dieser „Rechenautomat“  enthielt alle nötigen Elemente, die einen Computer ausmachen. Es gab eine primitive Eingabe über Knöpfe und Tasten. Mit einer Tastatur  heutiger Bauart hatte das wenig zu tun. Zusätzlich konnte man ein vorgefertigtes Programm zur Berechnung einladen. Ein Kleinbildfilm normaler Bauart wurde genutzt, um mit Locheinstanzungen die Aufgabe dem Rechner zu vermitteln.
Neben einer Eingabe gab es natürlich auch eine Ausgabe. Auch hier sind Vergleiche mit der heutigen Bauform nicht angebracht. Von einem Monitor konnte noch keine Rede sein. Ein paar Lämpchen gaben Auskunft über das Ergebnis der Rechenoperation.

Das Herz der Anlage war das Rechenwerk, zu dem wir heute Prozessor sagen. Das Rechenwerk nach „Zuse Art „ war selbst gebaut und bestand am Anfang aus rein mechanischen Elementen und später  aus einem Haufen von Relais und mechanischen Bauteilen.  Auch das notwendige Speicherwerk war mit Relais realisiert. Immerhin werkelten in der Maschine, die als erster „Computer“ gilt und den Namen Z3 trug 2400 Relais. Alle waren von dem Erfinder zurechtgemacht und eigenhändig eingebaut.

Konrad Zuse wurde 1910 im Juni geboren. Heute am 22. Juni 2010 würde er seinen 100. Geburtstag feiern. Aus diesem Grunde möchte ein wenig von Erlebnissen erzählen, die ich durch persönliche Gespräche mit Konrad Zuse erleben durfte und die man in anderen Publikationen nicht finden wird.

Konrad Zuse hat manche meiner Denkweisen im reifen Alter verändert und  er hat mir viele Tipps und Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie ich zu Konrad Zuse fand.

Es gibt immer eine Initialzündung, die man benötigt, um in einer Sache aktiv zu werden. Wir schreiben das Jahr 1979 und ich war wieder einmal in München in der Pressestelle von Siemens zugegen. Und da passierte diese Initialzündung. Als die Sekretärin meines Gesprächspartners im Büro auftauchte und nachfragte, ob sie denn den „Zuse“ auch einladen solle, wurde ich hellhörig. „Den Zuse“, so dachte ich, das muss der Sohn des Computererfinders sein. Denn zu Zuse hatte ich einen gewissen Kontakt durch meine Studienzeit in Aachen.

Im Institut für Elektrotechnik der RWTH Aachen stand im Keller eine uralte abgewrackte Blechkiste. Vorne war ein Typenschild mit einem großen Z wie Zuse angebracht. Die Maschine zeichnet sich durch eine Vielzahl von Röhren aus, die alle einen Bügel hatten, damit man sie einfach aus der Fassung herausziehen konnte. Es fehlten schon einige dieser Röhren und die Kiste machte auch nicht den Anschein, dass sie noch einmal Großes leisten sollte.

So gehörte ich dann auch zu den Plünderern, die sich bedienten. Ich nahm eine solche Röhre mit in meine Studentenbude, um sie als Mobile im Fenster baumeln zu lassen. Der Bügel war geradezu prädestiniert, um eine Befestigung zu knüpfen. Lange Zeit war ich stolz auf diesen Schmuck. Er passte zu mir, wie viele Besucher bestätigten. Leider habe ich heute keine Röhre mehr, die ich als Mobile aufhängen könnte.

Durch diese Aktion wurde mir wenigstens der Name „Zuse“ und sein Firmenlogo bekannt. Dies war ausschlaggebend für viele spätere Aktionen.

Zurück zur Siemens Pressestelle. Ich fragte ganz bescheiden, ob es sich um den Sohn des Computererfinders handle, den ich im Brockhaus schon als Schwarz/Weiß Bild gesehen habe?
„Wieso der Sohn?“ war die Antwort. Konrad Zuse wird im nächsten Jahr 70 Jahre alt und wir werden als Eigner der Zuse AG eine Gedenkfeier veranstalten. Natürlich laden wir dazu auch Konrad Zuse selbst ein.

Für mich war dies ein Fanal, selbst aktiv zu werden. Wenn Zuse gerade einmal seinen 70. Geburtstag feiert, dann muss man dies auch fernsehtechnisch dokumentieren. Schließlich gab es noch keine ausführliche Dokumentation über das Wirken des Erfinders.

Es gelang mir dann für das Jahr 1980 im Sommersonderprogramm des WDR zeitnah an dem 70. Geburtstag von Konrad Zuse eine Sendung zu platzieren.   Es war ein hartes Stück Arbeit, die Idee dingfest zu machen, denn Computer war noch mit dem Ausdruck Elektronengehirn verbunden und weit ab vom allgemeinen Medienmainstream. Dennoch fand ich im WDR die nötige Unterstützung, um an die Arbeit gehen zu können. Wenn ein Sender überhaupt in der Lage war, Experimente zu starten, dann war es damals der WDR.

Bevor ich die notwendigen Papiere auf den Weg bringen konnte, musste ich natürlich zuerst einmal die Bereitschaft der „Person Zuse“ testen, ob sie gewillt ist, bei dem Projekt mitzumachen. Ein einziges Telefonat genügte, um die Bereitschaft abzuklären.
(Übrigens: damals war es nicht so einfach, an die Telefonnummern von Personen heranzukommen. Durch den Kontakt mit der Siemens Pressestelle konnte ich die Nummer jedoch mitnehmen.)

Konrad Zuse war nicht abgeneigt, an einem Bericht über seine Arbeit oder besser: über sein Leben mitzuwirken. Er bot mir an, ein Interview mit ihm zu führen und auch sein Atelier zu zeigen, in dem er sehr oft arbeitete und kleine und große Bilder erstellte.

Ich kündigte meinen ersten Besuch in Hünfeld an. Hünfeld liegt bei Bad Hersfeld. Ehrlich gesagt: Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, was mich dort erwartete.

Ich besuchte Konrad Zuse zum 1. Mal

Die Fahrt für das Vorgespräch trat ich völlig ohne Navigationssystem und völlig ohne Internetinformationen an. Zu dieser Zeit war alles noch in den Sternen geschrieben. Doch damals konnten wir auch navigieren, was manche Jugendliche heute abstreiten wollen.

Hünfeld war mein Ziel.  Mit Hilfe des „Shell Atlas“ stellte das Auffinden kein Problem dar.
Ich war zu früh angekommen und hatte noch einige Minuten Zeit, mich umzusehen. An der Eingangstür entdeckte ich einige verbliebenen Kabelreste, die darauf hin deuteten, dass hier jemand vorher irgendwelche automatischen Dinge installiert hatte.

„Ob das schon auf Zuse zurückzuführen ist?“ dachte ich. Doch mit einem Computer hatte das wenig zu tun. Später stellte sich heraus, dass Zuses Sohn Peter (1945 geboren) der Urheber dieser Installation war. Ein wenig erinnerte mich das an meine eigenen Basteleien an meinem Elternhaus. Prof. Dr. Peter Zuse wird später noch in der Geschichte auftauchen.

Pünktlich, zur verabredeten Zeit, klingelte ich  und wurde eingelassen. Das Wohnzimmer war auch bei Zuse der Hauptraum, der für Besucher reserviert war. Doch beim Vorbeigehen sah ich im Nebenraum  schon drei Tassen und einen Kirschkuchen positioniert. Diesen Blick sollte ich noch öfter genießen. Immer war es ein wunderbarer Kirschkuchen und Nescafe, die gereicht wurden.

Dann saß mir Konrad Zuse im Sessel gegenüber und ich überlegte, was ich ihn denn nun überhaupt fragen sollte. Ich begann mit der komischen Geschichte an der Haustür. Da lagen Leitungen, deren Zweck nicht mehr erkennbar waren. Zuse wiegelte ab und gab alle „Schuld“ seinem Sohn Peter, der da kräftig automatisiert hätte.

Im Wohnzimmer stand auf der anderen Seite eine Computeranlage, wie wir heute sagen würden. Jedoch war die Hardware auf das Jahr 1980 ausgerichtet. Das besagt alles.
Dennoch fragte ich Zuse, ob es sein Computer ist, wo er Rechnungen oder Programme laufen lässt.

„Damit habe ich nichts zu tun“ – war seine Antwort. „Man wird mich nie an einem solchen Kasten sitzen sehen. Das ist für mich kein Computer- das ist eine Rappelkiste.“

Meine Frage nach der Motivation zur Erfindung beantwortete Zuse sehr gerne. „Ich war im Studium für Bauingenieure an der Technischen Universität in Berlin. Die Studenten  müssen ständig die selben Rechnungen ausführen. Einmal kommt x am Anfang rein, einmal y – doch hinterher ist der Rechenweg immer der gleiche. Das muss man doch vereinfachen können.

Die Idee eines Computers war geboren.

Die Idee war nicht ganz neu. Schon sehr früh befassten sich schlaue Leute mit Rechenautomaten, die viele Standardaufgaben lösen sollten. Wenn man ganz weit zurück geht, dann findet man einen Mönch namens Raimundus Lullus, der sich Gedanken machte, wie man mit Maschinenkraft einen Gottesbeweis erstellen kann. Seine Werkzeuge waren von nahezu digitaler Natur – doch völlig unbrauchbar, um den Beweis zu führen. Es handelte sich hierbei um drei Scheiben, die gegeneinander verdreht wurden. Man sollte damit logische Schlüsse ziehen können. Letztendlich wurde Raimundus Lullus –auch wegen dieser ketzerischen Ideen- in Afrika auf einer seiner Missionarsfahrten zu Tode gesteinigt.

Auch der Mathematiker Leibniz hatte lange Zeit Spaß an mechanischen Rechengeräten. Er hinterließ einige Apparate, die mehr oder weniger gut die Additionen und Subtraktionen erledigen konnten. Der Nachbau des Gerätes ist im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn zu besichtigen.

Auch George Babbage stellte sein Leben in den Dienst der Mathematik. Er konstruierte während seines gesamten  Lebens eine Maschine, die mathematische Probleme automatisch lösen sollte – eben ein Computer. Babbage verbrauchte alle Ersparnisse für seine Idee – doch der rein mechanische Aufbau dieser raffinierten Maschine schaffte niemals das Ziel. Er konnte sogar die Idee in den Kopf seines Sohnes implementieren, der dann mit der gleichen Energie die Entwicklung fortführte. Doch auch er scheiterte an der Aufgabe.

In der Theorie war alles gelöst; doch der mechanische Aufbau war zu kompliziert für die damalige Zeit. Babbage wusste genau was er erreichen wollte und hatte für seine Gedanken und Gespräche auch eine exzellente Partnerin. Lady Ada Lovelance war von der Theorie begeistert und konnte mit ihrem mathematischen Verstand  eine Programmiersprache entwickeln, die man hätte anwenden können, wenn die Maschine funktioniert hätte. Ada Lovelance gilt als geniale Theoretikerin und hat später in der Computertechnik Erstaunliches vollbracht. Zum Beispiel die Computersprache ADA ist ein  Lovelance Produkt, das lange  Zeit erfolgreich Anwendung fand, bevor neuere Sprachen wie FORTRAN und COBOL das Feld übernahmen.

Doch zurück zu Zuse, der meine Frage, ob er die Entwicklungen von Babbage kannte, verneinte. „Wie sollte ich damals an solche Informationen kommen?“

Zuse hatte den Geist des Erfinders in sich. Mit aller Gewalt wollte er seine Ideen in die Praxis umsetzen. Die Hürden, die sich vor ihm aufbauten, waren kaum zu überwinden. Auf irgendwelche fertigen Dinge konnte er nicht zugreifen. Sein Budget war das eines Studenten, der damals ohne BafÖG oder staatliche Unterstützungen auskommen musste.

1936 war Zuse 26 Jahre alt. Er begann mit der Realisierung seiner ersten Maschine. Folgerichtig nannte er das Projekt Z1, was so viel hieß wie ZUSE 1. Doch bald schon merkte er, dass seine Vorstellungen nicht zu realisieren waren. Die rein mechanische Ausführung wurde unüberschaubar. Viele Zeitgenossen hätten schnell resigniert und das Projekt beiseite gelegt. Nicht so Konrad Zuse. 1939 startete er das Projekt Z3, das wiederum für Zuse 3 stand.
Die Zuse 2 endete wieder frühzeitig in der Versenkung. Jetzt hatte Zuse allerdings sehr viel dazugelernt.

Die duale Logik war ihm völlig geläufig und ähnlich wie bei Babbage funktionierten auch alle Gedankenmodelle. Doch zur praktischen Ausführung war es ein weiter Weg. Jetzt waren es Relais, die Zuse für den Speicher und das Rechenwerk vorgesehen hatte. Relais entsprechen genau dem dualen Denken. Anker angezogen gleich 1, Anker abgefallen gleich 0.
Für die Realisierung seiner Z3 hatte er 2400 Relais vorgesehen. Aus heutiger Sicht ist das ein „Datennichts“. 2400 Bits geteilt durch 8 ergeben gerade einmal 300 Bytes.

Doch für Zuse sah das ganz anders aus. Er musste sich 2400 Relais besorgen. Er hatte nicht das Geld, um einfach einmal diese 2400 Bauteile zu kaufen. Er ging in Berlin zum technischen Postamt und bat (sein Vater war Postbeamter) um ausgediente Relais. Man schenkte ihm die Bauteile, da sie irgendwo ausgebaut wurden, um sie später zu verschrotten.

Zuse erzählte mir, dass nicht alle Relais gleich waren. Er musste die Spulen einzeln durch messen und zum Teil musste er per Hand neue Wicklungen aufbringen. Wer sich spätestens hier nicht von so einem  Projekt los sagt, der gehört zu den unverbesserlichen Träumern. Irgendwie konnte ich im Nachhinein diese „Verrücktheit“ verstehen, denn ich bin ähnlich gestrickt. Wenn bei mir ein Problem ansteht, das ich lösen möchte, dann ist keine Mühe zu viel.

Diese Z3 sollte tatsächlich das Paradestück werden; es wurde der erste funktionierende Computer der Welt.  Leider wurde die Z3 in den Kriegswirren 1941 komplett zerstört.
Doch bis dahin hatte der Rechner so viel in den Köpfen der Techniker verändert, so dass Zuse jetzt mit seinen Entwicklungen zur geheimen Reichssache avancierte. Unter größter Geheimhaltung musste er jetzt seine Projekte angehen. Zum einen war dies schon störend, dass da immer einer mitmischte; zum anderen jedoch war dieser Status der Garant dafür, dass man  die nötigen Bauteile besorgt bekam.

Die Zeit, wo er noch akademisch interessante Aufgaben lösen durfte, war vorbei. Jetzt hieß die Aufgabe knallhart: „Berechnen Sie die optimale Abwurffolge von Bomben, die am Flugzeug befestigt sind, um eine optimale Steuerung des Flugzeugs zu ermöglichen. Diese Aufgabe war laut Zuse der erste Befehl, den seine Maschine leisten musste. Laut Zuse gab es sogar ein gutes Ergebnis. Von nun an wusste man, wie die Bomben in der Zeitfolge abzuwerfen waren, ohne das Flugzeug aus seiner Bahn zu bringen.
Somit gehört auch der Computer in die lange Reihe der Erfindungen, die zunächst von den Militärs in Beschlag genommen wurden. Nach wie vor ist das Geld der Motor der Entwicklung.

Die Z4 war für Zuse der Durchbruch, der zeigte, dass man mit Hilfe von automatisierten Vorgängen völlig neue Ergebnisse bekommen kann. Zuse sagte mir in dem Interview, dass er so seine Schwierigkeiten hatte, den  Leuten, die seine Arbeit zu begutachten hatten, erklären zu können, was ein mechanisierter Ablauf an Vorteilen bringt.

In einem Vortrag im Jahre 1941 postulierte er, dass der Schachweltmeister in 50 Jahren eine Maschine sein wird. Diese Behauptung war provokativ. Die Mathematiker unter den Zuhörern machten  Zuse Vorwürfe: „Bedenken Sie doch, dass es Milliarden Zugmöglichkeiten gibt. Das kann doch keine Maschine erfüllen.“ Die Antwort, die Zuse gab, kann man im Protokoll nachlesen: „Lassen Sie doch den Rechner das Spiel erlernen, so wie Sie es erlernt haben. Der Rechner wird jedoch sehr viel besser seine Züge verwalten lernen, als Sie es können.

Zuse bestätigte mir, dass er sich da ein wenig mit den vorgegebenen 50 Jahren verkalkuliert hat. „Aber nicht viel“ war sein Nachsatz.

Kein Patent für Zuses Erfindung

Seit 1877 existiert ein Patentamt in Deutaschland, Hier können hervorragende Ideen eingereicht werden, die nach Prüfung ein Patent erhalten können. Das Patent gibt dem Erfinder einen wirtschaftlichen Schutz, der heute maximal 20 Jahre dauert. In dieser Zeit darf niemand die geschützte Idee verwerten oder gar als seine eigene Idee darstellen.
Ein solcher Schutz hätte Zuse in puncto Computer voll und ganz zugestanden. Denn er hatte eine Maschine gebaut, die alle Elemente eines Computers enthielt. Eigentlich hätte man dem Erfinder Zuse alle Rechte einräumen müssen. Doch es kam anders.

IBM war schon lange auf dem Markt und verkaufte auch im Nachkriegsdeutschland seine Rechenmaschinen, die sich als Großrechenanlagen ausgaben. Damals war der Begriff „Elektronengehirn“ noch gebräuchlich und es bedeutete, dass hier etwas geleistet wird, was der normale Mensch nicht verstehen kann.

Zuse hatte zwar alle Erfindungselemente auf seiner Seite – doch gegen die Übermacht aus Übersee hatte er keine Chance. So kam es denn zu einem Urteil des Patentamtes im Jahre 1967 das salomonisch alle schwierigen Probleme lösen wollte. Doch die Begründung des Patengerichts ist nach wie vor unglaublich peinlich.

Ein Patent wird erteilt, wenn die vorgebrachte Idee neu ist, wenn sie so beschrieben wurde, dass sie von einem Fachmann nachvollzogen werden kann und wenn sie nicht den gebotenen Sitten widerspricht. Zuses Idee eines Computers entsprach in allen Punkten der Vorgabe, so dass man auf eine Hilfsfunktion für die Ablehnung zurückgreifen musste: man anerkannte nicht die Erfindungshöhe. Das ist wirklich ein Witz der Geschichte.

Mit der Erfindungshöhe wird die Qualität einer Erfindung beurteilt. Der Computer gehörte offensichtlich nicht dazu.

Ich hatte die Möglichkeit, Konrad Zuse im Interview zu dieser ungerechten Behandlung zu befragen. Seine Antwort: „Ach, wissen Sie, was passiert wäre, wenn anders entschieden worden wäre? Dann wären heute noch die Anwälte mit der Aufarbeitung zugange. Gewinner wären die Anwälte. Verlierer wären die Kreativen – daher zog ich letztendlich eine Beendigung des Streits vor. Dennoch spürte man seine Verbitterung, dass deutsche Gerichte ihn um seine Ehre und auch um sein Geld brachten.


Zuse bezeichnete sich selbst als schlechten Kaufmann.

In unserem Gespräch kamen wir natürlich auch auf den wirtschaftlichen Erfolg von Konrad Zuses Computerprodukten. Neben den Rechnern war ja ein großes Standbein die Fertigung von Grafikplottern. Das war nötig, um den Katasterämtern die Möglichkeit zu geben, das Kartenmaterial digital zu erfassen und vor allem auch später auf Papier auszugeben. Zuse war nach dem Krieg auf dem Rückweg nach Berlin in Bad Hersfeld hängen geblieben. In ein paar Räumen, die von den Bomben verschont wurden, begann der Wiederaufbau. Schnell erholte sich das Land. Hightech war angesagt. Zuse konnte nach wenigen Jahren expandieren. In Bad Hersfeld steht noch heute das Hochhaus, das einmal 1200 Leuten Arbeit gab.

Zuse erzählte mir dann eine Geschichte, die noch nirgendwo verzeichnet ist. Auch sein Sohn Peter hatte dies noch nicht erfahren. In den 50er Jahren wurde eine Lackierungsmethode hochmodern: Hammerschlag nennt man den Lackauftrag, der eigenwillige Muster meist in grüner Farbe erzeugt. Es wurde modern, dass man Bleche mit diesem Hammerschlaglack verzierte.
Auch Zuse machte mit, um „in“ zu sein. Sämtliche Computergehäuse standen ab sofort für den „Hammerschlag“ an. Ein Versuch, der teuer werden sollte.

Die gespritzten Teile verhielten sich nicht so, wie man es erwartet hatte. Der Lack veränderte seine Farbe und seine Haftung. Er fiel einfach von den Gehäusen herunter. Eine ganze Linie von Maschinen war von dieser Fehllackierung betroffen.

Laut Konrad Zuse stand eine Komplettrenovierung an. Damals handelte es sich um einen Betrag von 200.000 Mark – eine unvorstellbare Summe in den Fünfziger Jahren.
Für Zuse war es fast nicht möglich, einen Bankkredit in der angesprochenen Höhe zu realisieren. Fast wäre die Zuse KG damals schon an einem solchen Fauxpas zugrunde gegangen. In letzter Sekunde wurde doch ein Kredit genehmigt, so dass die Maschinen aufgearbeitet die Fabrik verlassen konnten.

Die Z4 fand ich als Schrotthaufen im Siemens Museum

Manchmal wird man als Unbeteiligter Zeuge eines schrecklichen Vergehens. Niemand wird heute abstreiten, dass die Erfindung des Computers eine wichtige Entwicklung war. Wenn wir nach der Zeitschiene urteilen, dann war die Z4 von Konrad Zuse die Maschine, die als Hardware den letzten Krieg überlebte. Die Z4 hat viele Stationen erlebt.
Konrad Zuse berichtete mir, dass diese Z4 nur deshalb den letzten Zug aus Berlin heraus erlebte, weil er einen tüchtigen Mitarbeiter beschäftigte, der es verstand, mit den offiziellen Stellen zu kommunizieren. Dieser Mitarbeiter war in der Lage, den Computerversuch 4, also die V4 (Versuchsmodell 4), so dramatisch zu beschreiben, dass jeder daran glaubte, dass es sich um eine ganz andere  V4 handelte. Diese V4 wäre die Nachfolgerrakete der V2 (Vernichtungswaffe)  gewesen. Diese suggerierte er seinen Verhandlungspartner, ohne es selbst aussprechen zu müssen.

Diese Nachricht erschien den Beamten wichtig genug, um für die ZV4 einen allerletzten Platz auf dem allerletzten Zug aus Berlin zu reservieren. Die Bestimmungsadresse waren die  Salzstöcke bei Göttingen im Harz.

Doch offensichtlich hatte niemand mehr Vertrauen in die Möglichkeiten, innerdeutsch etwas verstecken zu können. Die Marschrichtung war klar: „Ab in den Süden – möglichst in ein anderes Land.“ Per Zufall wurde Zuse in Göttingen mit Wernher von Braun bekannt gemacht, dermit einigen seiner nächsten Mitarbeiter auf dem Rückzug von Peenemünde war. Seine Richtung war ebenfalls der Süden. „Nichts wie weg von hier.“

Auf einem der Lkws, die Wernher von Braun noch organisieren konnte, war Platz für die Z4. Jetzt ging es gen Süden. Die Reise der Truppe endete in Hinterstein.

Hinterstein ist ein Ort ohne Durchgangsstraße. Österreich war zwar nicht weit weg – doch hinter all diesen schroffen Felsen verborgen. In diesem Ort, den man normalerweise mit „Ende der Welt“ bezeichnete, versteckte Zuse im Feuerwehrhaus seine Z4. Für ihn war diese Maschine die Summe aller vorher gemachten Erfahrungen – für andere war es nur ein Relaiskoloss ohne Bedeutung.

Auch am Ende des letzten Krieges gab es noch Menschen, die in  den Bergen gut überleben konnten. In Hinterstein residierte z.B. eine Englische Lady, die bereits vor dem Kriege dort wohnhaft wurde. Sie bekam jedenfalls mit, dass sich im Feuerwehrhaus etwas „ganz Gefährliches“ befand. Man spricht von der V4 und meint damit wohl die Vernichtungswaffe V4. Alleine diese Ankündigung genügte, um den Britischen Geheimdienst nach Hinterstein zu locken. Die Vernichtungswaffe V4 war eben ein wichtiges Kriegsuntensil.

Doch die Erwartungen wurden schnell zerstört, als man die Hardware im Feuerwehrhaus besichtigte und keine Gefahr für Mensch und Leben feststellen konnte. Diese Holzkiste, vollgespickt mit elektrischen Relais, konnte keine Bedrohung der Menschheit sein. Die Engländer zogen wieder ab.

Offensichtlich beobachteten die Amerikaner das Tun ihrer Verbündeten. Sie bekamen Notiz von der Englischen Kommission. Jetzt waren sie selbst unterwegs und fanden in dem kleinen Ort Hinterstein genau das, was sie suchten. Zum einen fanden auch sie diesen Relaiskoloss namens Z4 und zum anderen fanden sie dort etwas Wichtigeres: Hier gab es die komplette Elite der deutschen Raketenforschung. Werner von Braun und seine Ingenieure wurden hier in Hinterstein  aufgespürt. Die Amerikaner reagierten schnell und rekrutierten alle Leute aus Peenemünde rund um  Wernher von Braun. Plötzlich waren alle Wissenschaftler aus Hinterstein verschwunden –  übrig blieb nur noch Konrad Zuse – den wollte damals niemand mitnehmen. Seine Idee von einem Rechner, der viele Alltagsprobleme lösen kann, war noch zu weit weg. Zuse musste in Hinterstein verweilen. Er war gezwungen, seine archaisch verborgenen Talente zu aktivieren.

Zuse erzählte mir einmal, dass er lange zwei Seelen in seiner Brust  hegte. Die Berufswahl Bauingenieur war lange Zeit gefährdet von seinem Talent der Zeichenkunst. Er wäre auch gerne Gebrauchsgrafiker geworden.

Zumindest konnte er jetzt in Hinterstein sein künstlerisches Talent unter Beweis stellen. Wie sollte er mit seiner jungen Familie dort überleben? Arbeitslosengeld gab es noch nicht. Zuse malte jetzt gewaltige Ölschinken und vor allem Holzschnitte mit der romantischen Bergwelt als Motiv. Je höher die Berge, je grüner die Weiden – Zuse malte und schnitzte genau das, was die amerikanischen Besatzungssoldaten mit nach Hause nehmen wollten. Nach seinen Worten hatte diese Kunst eine hohe Konjunktur. Es ließ sich trefflich davon leben. Da damals die Bilder in Fließbandarbeit  entstanden, hatte er viel Zeit über sein Plankalkül nachzudenken. Plankalkül war das Wort für Software. Oder besser: Plankalkül war auch das erste Betriebssystem, das erst viele Jahre später in seiner Qualität erkannt wurde.

Durch Mundpropaganda erreichte die Kunde von der V4 im Feuerwehrhaus auch einen Professor der ETH in Zürich. Dieser begab sich nach Hinterstein und verhandelte mit Zuse über eine Leihgabe der Maschine für sein Institut. Etwas Besseres konnte Zuse natürlich nicht passieren. Seine Relaiskiste erhielt plötzlich wissenschaftliche Ehren. Die Maschine soll in Zürich wirklich gut gerechnet haben. Augenzeugen berichteten davon, dass in Sommernächten die Fenster des Instituts im dritten Stock geöffnet wurden. Unten auf der Straße hörte man laut und deutlich das Rattern der vielen Relais.

Die Z4 kam später wieder aus der Schweiz zurück zu Konrad Zuse, der mittlerweile eine neue Stätte für Computerbau bei Bad Hersfeld eröffnet hatte. Das Geschäft mit Plottern und Computern lief in den Anfangsjahren sehr gut. In Spitzenzeiten beschäftigte Zuse über 1000 Mitarbeiter. Anfang der 60er Jahre stellten sich jedoch die Schwierigkeiten ein. Die deutsche Computertechnik war nicht mehr konkurrenzfähig gegen die Großrechner der IBM. Es lag auch daran, dass Relais und gar die spätere Röhrentechnik out waren – doch an die Folgetechnologie „Transistor“ oder später gar an „integrierte Schaltkreise“ war schwer ranzukommen.
Konrad Zuse musste nach und nach alle Bereiche an Siemens verkaufen. Das war eine harte Zäsur. Zuse erhielt eine Rente, deren Höhe niemand erfahren hat.

Langsam sollte ich jetzt einmal zu dem versprochenen historischen Fund kommen, den ich oben erwähnt habe. In der Firmenmasse, die an Siemens ging, war auch die alte Z4 enthalten. Siemens verlieh dieses historische Stück Geschichte an Interessenten für Ausstellungen. Das ging längere Zeit gut – bis eines Tages.

Zufälligerweise plante ich gerade ein Porträt über Werner von Siemens und hatte mich im Firmenmuseum in München angemeldet. Auf der Suche nach einigen Spezialitäten, die es abzufilmen galt, wurde ich von einem Betreuer durch den Keller des Museums geführt. Plötzlich schoss es in mir hoch. Ich sah einen Haufen Holzschrott und viele, viele Kabel. Doch obenauf war ein Schild, dessen Schrift mich elektrisierte. Ein Z in bekannter Schreibweise. Das Z von Zuses Versuchsmaschinen.

Ich untersuchte den Schrotthaufen und konnte selbst feststellen, dass hier nicht mehr viel zu machen ist. Die Kabelstränge wurden brutal mit einem Seitenschneider oder gar mit einem Bolzenschneidegerät durchtrennt.
Da die ersten Versuchsmaschinen alle den Krieg nicht überstanden haben, musste dies die Z4 sein; das einzige übrig gebliebene Stück Hardware aus vergangenen Tagen – eine historische Rarität. Eine Recherche nach den brutalen Zerlegern ergab, dass die Z4 zuletzt nach Finnland ausgeliehen war und in dem beschriebenen Zustand zurückkam.

Natürlich wollte ich diesen Fund für meinen Film über Konrad Zuse zu seinem 70. Geburtstag festhalten. Doch da hat offensichtlich mein Betreuer schnell geschaltet. Als ich zwei Tage später in München anrief und mich um den Drehtermin kümmern wollte, wurde mir erklärt, dass man den Museumsdirektor noch nicht erreicht hat. Der müsse nämlich sein Einverständnis geben. Die wöchentlichen Nachfragen endeten immer in dieser Form. Der Museumsdirektor musste irgendwie verschwunden sein.

Erst 6 Wochen später, kurz vor der Veröffentlichung des Films über Konrad Zuse, wurde mir mitgeteilt, dass ich jetzt die Z4 filmen kann. Aber nicht mehr im Museumskeller in München. Sie wurde notdürftig zusammengebaut und in die alten Räume von Zuses Firma nach Bad Hersfeld gebracht.
Ich besuchte noch einmal Konrad Zuse in Hünfeld und lud ihn in mein Auto, um die Wiedererstehung der Z4 anzuschauen. Als er die durchgeschnittenen Kabel sah, schüttelte er den Kopf. „Das bringt keiner mehr zusammen – ich auch nicht“ war seine Reaktion.

Mittlerweile hat die Z4 Bad Hersfeld verlassen und steht heute im Deutschen Museum in München.

Wir besuchten mit dem Team das Haus in Hinterstein, in dem Zuse nach dem Krieg wohnte.

Für den Film über Zuses Leben besuchten wir mit der Kamera auch den wichtigen Ort im Leben des Erfinders: Hinterstein im Allgäu. Mitten im Dorf entdeckt man eine Gedenktafel, die darauf hinweist, dass hier Konrad Zuse lebte. Wichtig ist noch der Satz: „Ohne ihn wäre die Raumfahrt nicht möglich gewesen.“

Wir hatten 1980  das große Glück, dass wir die Wirtsleute von Zuse in dem Haus noch antrafen. Ich will es vorab sagen. Wir verbrachten bei der Familie einen herrlichen Abend, der jedoch kein „normales bürgerliches“ Ende fand. Am Schluss des Besuchs war  der Weg zu unserem Hotel, der gerade einmal das nächste Haus betraf, nicht zu schaffen. Der Kameramann gab vorher auf und schlief auf dem Fußboden des Flurs. Ich war nicht viel besser drauf und lag jedenfalls falsch herum im Bett.

Was uns so aus den Stiefeln hievte, war der ständig nachgeschüttete Fürst Bismarck. Die Hausherrin kam aus Berlin und war früher Tänzerin im Kabarett. Der Ehemann war aus Hinterstein und war einer der ersten Skilehrer im Allgäu.
In Erinnerung blieb mir ein riesengroßes Fotoalbum, das uns nach und nach gezeigt wurde. Und immer wieder Fürst Bismarck dazwischen. Toll sah die Frau auf den Bildern der 30er Jahre aus. Der Hintersteiner Skilehrer bestätigte auch, dass seine Frau eine „scharfe Biene“ war, als er sie kennen lernte. Dann zeigte sie Bilder von Heidi Kabel, die immer wieder zu ihr in den Sommermonaten kam. Und wieder ein Fürst Bismarck. Und dann ein Bild von dem Hamburger Volksschauspieler, dessen Name ich vergessen habe. Er kam aber immer mit, wenn Heidi Kabel in Hinterstein eintraf. Und darauf wieder einen Fürst Bismarck.

Doch schnell konnten wir noch in der Anfangsphase feststellen, dass unsere Ballerina eine recht verschwommene Vorstellung von Zuses Leistungen hatte. Die Raumfahrt ging ja noch – doch mit Computern wollte sie nichts zu tun haben.
Es ist phänomenal. Die ganze Zeit rede ich um unsere alkoholischen Gastgeber drumherum. Jetzt fällt mir doch tatsächlich der Name ein: Familie Tannheimer Manchmal gibt es Blockaden und dann ist plötzlich alles wieder präsent.

Eine Rechnung wurde zum Kunstwerk

Als der Film zu Konrad Zuses 70. Geburtstag entstand, haben wir mit dem Team fast einen Tag lang die Wohnung von Zuse in Hünfeld in Beschlag genommen. Als Dank dafür lud ich Konrad Zuse zum Mittagessen am nächsten Tag in eine Gaststätte  in der Nähe ein. Konrad Zuse verursachte damals eine Rechnung von 10,80 DM. Ich weiß das noch genau, denn oft habe ich auf diese Rechnung geschaut. Als ich dann bei meiner Reiseabrechnung diese 10,80 DM als angefallene Kosten zurückerhalten wollte, wurde mir dies verwehrt. Ich hatte vergessen, einen Bewirtungsantrag vorab zu stellen und diesen vom Hauptabteilungsleiter  unterschreiben zu lassen. Pech gehabt. Die Rechnung verschwand kurze Zeit später in einem eigenen Bilderrahmen und die Betrachtung machte mir mehr Spaß, als wenn ich einen geldlichen Ersatz bekommen hätte und die Rechnung dafür aber aus der Hand hätte geben müssen. Ein Mittagessen mit dem Erfinder des Computers zu solchen Dumpingpreisen. Die Sensation ist komplett.

Die sich selbst reproduzierende Maschine gab mir Rätsel auf

In Zuses Labor, das auch sein Atelier war, stand eine Hardware, die sehr prominent den Platz einnahm. Doch Zuse wollte auf meine Fragen nie richtig antworten. Es handele sich um eine Maschine, die eine Selbstreproduktion simulieren könne. Das war es dann auch. Mehr wird man nach seinem Tod erfahren.

Doch bisher kamen keine neuen Erkenntnisse aus dem Nachlass. Ich hatte immer meine Probleme mit diesen Aussagen. Zeitweise dachte ich, dass Zuse weit weg ist von meinen  und seinen Gedanken. So wie er es mit der Erfindung des Computers hielt. Doch was war mit dieser Selbstreproduktion los?

Dass man Gedankenspiele schon erlebte, die von amerikanischen Vordenkern angesprochen wurden und sich um Roboter und deren eigener Geburt drehten, hatte ich als Gesprächspartner schon im Interview. Doch die Ideen entpuppten sich alle bis heute als gegenstandslos.  

Der Gedanke, dass sich ein Roboter eventuell selbst reproduzieren kann ist  durchaus gerechtfertigt. Doch die Praxis ist noch weit weg.

Dennoch gibt es eine Aussage von Konrad Zuse, der sich weigern wollte, die Strippe des Ausgangs seiner Selbstreproduktion dem Eingang zuzuführen, um damit einen Kreislauf in Gang zu setzen.

Wer weiß? Vielleicht kommt die Zeit, wo es gefährlich ist, den Kreislauf der Selbstreproduzierbarkeit wirklich zu starten. Doch im Nachhinein erscheinen mir Zuses Worte noch weit weg von einer eventuellen Realisierung. Auch seine Reproduktionsmaschine war wohl noch nicht in der Lage, grundsätzliche Funktionen zu beweisen.

Natürlich sind wir heute eine ganzes Stück weiter. Wir würden zum Beispiel keine neue Prozessorgeneration erleben, wenn wir nicht die Computer hätten, die zwingend für die Lösung benötigt werden. Prozessoren  reproduzieren sich heute selbst und sie können sich nur mit Hilfe des Computers selbst reproduzieren und  mit Hilfe des Menschen.

Irgendwann braucht man vielleicht wirklich kein Einverständnis mehr. Doch dieser Schritt dürfte noch weit in der Zukunft liegen.

Irgendwann wird man vor der Frage stehen, ob es sich lohnt, dem Menschen Konkurrenz zuzumuten. Ob es sich lohnt, den Ausgang mit dem Eingang zu verbinden, um einen kreativen Kreislauf zu starten?

Den KnowHow PapierComputer hat Zuse sofort verstanden

Und fast zum Schluss möchte ich noch von einer Begebenheit berichten, die mich erstaunen ließ. In einer stillen Stunde berichtete ich Konrad Zuse von unserem Papiercomputer, den wir in den 80er Jahren erfolgreich unter die Leute gebracht haben. Ich erzählte ihm von den 5 Befehlen, die nur nötig sind, um alle mathematischen Probleme lösen zu können. Zuse überlegte gar nicht lange und bestätigte unseren Ansatz: „die Sache mit den 5 Befehlen haben Sie gut gemacht“, war sein Kommentar. Und dann nannte er die notwendigen Befehle, um die Mathematik zu umschreiben. Da war Zuse wieder in seinem Element. Diese Welt der digitalen Logik war sein Zuhause.

Eigentlich war ich ein bisschen sauer, dass Zuse das Ansinnen sofort verstanden hatte. Es wäre ein Klax gewesen, und er hätte die Logik dafür geliefert.

Wie Konrad Zuse den KomCom 2 einweihte.

Irgendwie war es schon eine komische Situation. Wir waren auf der photokina in der Köln Messe. Das Jahr ist mir gar nicht mehr so gängig. Mag sein, dass es 1992 war. Wir hatten den erfolgreichen Redaktionscomputer KOMCOM 1 in Rente geschickt, der seit 1983 seine Arbeit millionenfach verrichtete. Die Technik hatte sich in den wenigen Jahren überholt. Jetzt stand uns ein neuer Rechner zur Verfügung, der alles viel schneller abwickeln sollte. Auf der photokina sollte dann der neue Rechner vorgestellt und eingeweiht werden. Wir hatten uns etwas Besonderes einfallen lassen. Wir wollten Konrad Zuse bitten, quasi als Pate, die Maschine einzuweihen.

Es war nicht daran zu denken, dass Zuse nach Köln kam. Deshalb mussten wir umdenken: „Soll er doch per Telefon den Befehl zur Einweihung geben.“ In unseren Gedanken sollte jedoch Sekt fließen. Wir gaben den Auftrag an die Werkstätten des WDR eine Maschine zu bauen, die in der Lage sein sollte durch einen freigesetzten Hammer eine Sektflasche zu köpfen.

Wir hatten kaum die Chance, das Ensemble zu testen. Es musste einfach funktionieren. Als dann die Livesendung begann und alles parat sein musste, war nur noch der Impuls für den Hammerschlag ungeklärt. Als die Sendung sich immer weiter dahin zog, gab es nur noch einen Versuch. Das Telefonat mit Konrad Zuse klappte auf Anhieb und er wusste auch noch, was er zu machen hatte. Als der Befehl zur Eröffnung des neuen KomCom 2 kam, wurde der Hammer in Bewegung gesetzt, der perfekt die Magnum Flasche köpfte. So wurde Konrad Zuse zum Paten für unsere Mailbox. Eigentlich können wir alle stolz sein, dass wir so frühzeitig mit Hilfe prominentester Freunde die Datenübertragung  vermittelten konnten. Von dieser Aktion im Studio auf der photokina habe ich kein Photo und auch kein Video. Vielleicht gibt es ja in der Leserschaft jemand, der besser sortiert ist.

Irgendwie muss man ja besser sein, wenn man den Computer erfunden hat.

Ich will zum Schluss noch etwas erzählen, das nirgendwo nachzulesen ist. Ich denke auch an den Spiegel Artikel, der vor kurzem erschien. Dort wurde Konrad Zuses 100. Geburtstag ebenso in den Mittelpunkt gestellt. Am Schluss des Artikels machte sich der Autor Gedanken über die politische Gesinnung von Zuse. Wer in diesen turbulenten Zeiten von der Kriegsteilnahme freigestellt wurde, der durfte zumindest kein Regimegegner sein.
Ich kann hier etwas Licht in die Geschichte bringen, denn ein Zeitzeuge berichtete mir, wie er Konrad Zuse erlebte.

Damals, für den Film, wollte der Zeitzeuge nicht zitiert werden. Mittlerweile gehört es meiner Ansicht nach aber in die Öffentlichkeit. Die Nachricht kam ganz zufällig in meine Ohren. Ich habe oben beschrieben, dass ich eine Sendung zu Zuses 70. Geburtstag initiierte. Im WDR wurde die Anmeldung schnell bekannt. Ich wunderte mich, dass ein direkter Kollege, der neben mir auf dem Flur sein Büro hatte, sich bei mir persönlich meldete. „Ich habe gesehen, dass Sie eine Sendung über Konrad Zuse vorbereiten. Ich will Ihnen da etwas erzählen“

„Ich will nur eines hinzufügen, was ich selbst erlebt habe“, sagte er.  „Meine Mutter wollte mich wegen meines Namens im damaligen Berlin verstecken. Ich war gerade einmal 15 Jahre alt. Ich war abkommandiert, in  geheimen Kellerräumen zu arbeiten, Ich muss dazu sagen, dass mir diese Arbeit das Leben rettete. Lange Zeit wusste ich nicht, was ich da überhaupt getan habe. Ich hatte Kabel zu verlegen und ich dachte, ich würde Telefonanlagen produzieren. Doch es war wohl die Z4, die wir fertig zu stellen versuchten.“

Doch Zuse – so seine Meinung – war immer sehr distanziert und ohne menschliche Regung. Er trug in den Kellerräumen immer einen weißen Kittel und darunter war immer eine braune Uniform zu sehen.

Damit will ich den Artikel über Zuse nicht beschließen. Denn  seine Arbeit war ohne Hilfe von unterstützenden Geldgebern  nicht zu leisten. Zuse bekam Geld von der Reichswehr zum Aufbau der Computer, die für den Endsieg vorgesehen waren.

Zurück zu dem Spiegel Artikel. Dort berichtete  ein Wissenschaftlers des Deutschen Museums in München von der  Unsicherheit der Geschichtsschreibung: „Wollte Zuse den Computer für die Rassentheorie einsetzen und hatte Zuse eine besondere Beziehung zu den Nazis?“

Die Frage ist sicherlich ein wenig mit meiner obigen Erklärung beantwortet. Natürlich musste man mit den Wölfen heulen, wenn man ein versponnenes Experiment über die Bühne bringen wollte. Die braune Uniform musste wohl sein, wenn man die Forschungsgelder kassieren wollte.

Dass militärische Interessen hinter der Computeridee steckten, ist schnell aufgezählt. Und so waren es auch die ersten Berechnungen, die ein Computer vollbrachte, wie man Bomben oder Raketen am Rumpf oder am Flügel eines Flugzeugs anzubringen hat, damit ein optimales Abwurfergebnis erreicht werden kann. Es mag sein, dass man damals ohne braune Uniform niemals eine Chance für eigene Arbeiten in dieser Zeit gehabt hätte.

Konrad Zuse hat noch eine Menge anderer Dinge in die Wege geleitet. Er hat auch ein Memorandum geliefert, das Möglichkeiten aufzeigt, wie man Windanlagen bändigen kann, wenn sie von einem Sturm erwischt werden. Er machte sich Gedanken darüber, wie man einen Windturm geschickt zum Boden manövrieren kann, damit kein Desaster entsteht. Danach kann er sich selbst wieder in die Höhe bugsieren.

Am 22. Juni 2010 wäre Konrad Zuse 100 Jahre alt geworden. Er starb 1995. Er war ein wichtiger Zeitgenosse des letzten Jahrtausends Sein Enthusiasmus und seine theoretischen Vorgehensweisen waren vorbildlich. Auch der Nachruf an seinem Todestag kam vom WDR. Man gab mir 15 Minuten Zeit, um mich von Konrad Zuse zu verabschieden. Es war für mich ein wichtiges Ereignis.

Die hohe Zeit des Computers gehört mittlerweile der Vergangenheit an – Die Zeit der Selbstreproduktion von intelligenten Maschinen steht uns noch bevor.




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