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05.04.2010
Folge 219

Mobile Kommunikation - ein Abriss

(Stundensendung Ostermontag 2010 (Back/Rudolph/Schmitz im Studio)

Wenn man 3 Dinosaurier vor ein Mikrofon setzt und denen die Aufgabe gibt, über die mobile Kommunikation zu berichten, dann braucht man weder ein Drehbuch noch ein Skript für die Inhalte. Man kann die Dinos einfach los plappern lassen und man bekommt ein exquisites Zeitdokument erklärt.
Die drei Dinos brauche ich wahrscheinlich gar nicht genauer vorzustellen. Wolfgang Rudolph und Wolfgang Back gehören zu dieser sehr frühen Schicht, die sich mit dem mobilen Telefonieren auseinandergesetzt haben. Auch Heinz Schmitz ist so ein Dino, der sich sehr frühzeitig mit Hardware ausstattete und bei der Diskussion um die Entwicklung der mobilen  Kommunikation anschließen kann.

Das A- und B- Netz war nichts für uns, es war einfach zu teuer. Doch C war ein Zauberwort, bei dem wir sehr schnell zuschlugen. Wir waren dabei, als 1985 auf der Funkausstellung in Berlin das C-Netz mit einem Fanfarenstoß eines Postbeamten eröffnet wurde. Wir hatten das Privileg, recht frühzeitig (1986) ein Pocky Telefon von der damaligen Post zu erwerben. Das Telefon kostete eigentlich ca. 10.000 Mark – doch wir erhielten einen Presserabatt, so dass uns das Telefon 2.400 Mark kostete. Da konnte keiner von uns „nein“ sagen und so hatten wir ab der CeBIT 1986 eine neue Möglichkeit, uns während der Messe zu verabreden.

Vorher musste diese Verständigung noch ganz anders laufen. Man musste im Vorfeld ein Telefon bei der Messe bestellen; dann musste dort jemand sitzen, der die Anrufe koordinieren musste. Da rief das Kamerateam von Zeit zu Zeit an und fragte, wie es weitergehen soll. Da meldeten wir uns, um den neuen Drehort durchzugeben. Alles in allem war es doch recht umständlich mit der Kommunikation.  

Für die vielen jungen Zuhörer, die die alten Zeiten der Deutschen Bundespost nicht kennen gelernt haben, muss man einmal die Situation ausbreiten. Die Deutsche Bundespost war ein seltsamer Verein. Eigentlich wollte die Bundespost eine Kommunikation eher vereiteln, als  sie zustande kommen zu lasen. Es gab so viele Restriktionen, die einen Telefonkunden fast zu einem Kriminellen stempelten. Ein eigenes Verlängerungskabel legen? – Verboten. An die Telefonsteckdose durfte niemand Hand anlegen. Der Telefonbenutzer hatte absolut keine Rechte – er hatte nur zu funktionieren und am Monatsende zu zahlen.

Das Telefonnetz wuchs direkt nach dem Krieg erst sehr langsam, da sich nicht jeder einen eigenen Telefonanschluss leisten konnte. In meiner frühen Jugend, die ich in einem kleinen Dorf in der Nähe der Loreley verbrachte, gab es gerade einmal ein einziges Telefon, das beim Bürgermeister deponiert war. Für mich war das Telefon lange Zeit ein ungeliebter Gegenstand. Ich hatte sogar Angst davor, wenn ich geschickt wurde, um bei meiner Oma im anderen Ort dies oder jenes nachzufragen. Die hatte nämlich ein eigenes Telefon, weil si in der Bürgermeisterfamilie des anderen Ortes lebte. Irgendwie war mir das Telefon nicht ganz geheuer. Ich hatte damals noch keine Ahnung, wie so etwas funktioniert und rechnete wohl mit den tollsten Erlebnissen.

So langsam begann es dann doch zu boomen. Zunächst einmal in den Städten. Die 60ziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts brachten sogar einen Engpass. Es gab einfach nicht genug Leitungen, um alle Wünsche zu befriedigen. Oftmals musste man jahrelang mit einem Provisorium auskommen. Zwei drei oder gar vier Familien mussten sich einen Anschluss teilen. Dies verlangte natürlich eine strenge Disziplin und man musste seine Zeitfenster, in denen man selbst telefonieren durfte, absprechen.

Viele Familien kamen dennoch nicht zum Zuge. Sie waren dann auf eine öffentliche Fernsprechzelle angewiesen, die hoffentlich in ihrer Nähe war. Der Spruch "Fasse Dich kurz" war überall an den Häuschen zu lesen. Ich kann mich da an Szenen erinnern, wo jemand vor der Zelle im dicksten Regen warten musste, bis der Vorgänger in der Zelle mit seinem Gespräch fertig war. "Fass Dich kurz", das beherzigte nicht jeder.

Das sogenannte Autotelefon war für den normal Sterblichen weit weg. Man musste eine Begründung einreichen, wenn man eine Zuteilung haben wollte. Ein einfaches "Ich will eben telefonieren" reichte als Begründung nicht aus. Man musste seine Person und die Wichtigkeit in die Waagschale werfen, um eine Frequenz zu erhalten. Und dann war das Telefonieren noch sehr teuer. Der Angerufene und der Anrufer mussten Gebühren bezahlen. Was nichts kostet - ist auch nichts.



Ein A-Netz Telefon und seine Technik. Sowohl der Kofferraum wie auch der Fahrgastraum musste viel Technik aufnehmen

Das Autotelefon, das man sich dann kaufen musste, war bis 30.000 Mark  teuer. Dafür bekam man zu jener Zeit ein gutes Einfamilienhaus. Zu jener Zeit war es auch technisch gesehen, noch nicht so ganz einfach, eine gute Verbindung herzustellen. Am Anfang in der A-Netz Zeit gab es gerade einmal 3 zentrale Sender/Empfänger in Deutschland: Norden, Mitte, Süden.

Für uns im Bereich Mitte stand der Sendemast in oder bei Gießen. Bis dorthin musste jemand, der in Köln telefonieren wollte, funken können. Das ging natürlich nicht mit einem einfachen Walky Talky. Im Kofferraum musste schon Power erzeugt werden. Wenn ich mich recht entsinne, dann waren so um die 50 Watt Sendeleistung von Nöten. Das Wort Datensicherheit und Datenschutz war noch nicht geboren. Die Kommunikation lief völlig unverschlüsselt ab. Wer in der Lage war, sich einen Scanner für die bekannten Frequenzen zu basteln oder zu besorgen, der konnte im Klartext mithören.

Immer wieder wurde auch mal etwas publik. Irgendwann hatte man auch den schwarzen Mercedes des Bundeskanzlers Adenauer abgehört und es gelangte in die Presse. Franz Josef Strauß war eines Tages auch dran und das Gejammere war für einige Tage wieder sehr groß. In den Augen der Bundespost war die Telefonie per Autotelefon jedoch absolut sicher. Man durfte diese Frequenzen nicht abhören, wie man ja eigentlich auch den Polizeifunk nicht abhören darf. Das alleine machte die Kommunikation sicher.

Mit dem B-Netz, das von 1972 bis 1984 Jahren das A-Netz ersetzte, wurde es etwas besser. Jedoch nicht, was die Sicherheit anging. Es gab jetzt ein paar mehr Sender, die angefunkt werden konnten. Und vor allem: man konnte selbst wählen und war nicht mehr auf das "Fräulein vom Amt angewiesen.  Doch nach wie vor war es ein elitärer Zirkel, der sich der teuren Funktelefonie bedienen konnte.

Die Grundgebühr stieg von 45.-/65.-DM  auf 270.-DM. Begründung der Post: „die bisherige Gebührenstruktur“ hatte „Erprobungscharakter“ und wurde jetzt erstmals „überprüft“. In Wirklichkeit verlangte der Ausbau des B-Netz Unsummen. Und wer sollte sich die neuen B-Netz-Telefone zum Preis von 12.000.- DM kaufen, wenn man für rund 6000.-DM  ein perfektes neues A-Netz Telefon bekam. Aber wer 270.-DM monatlich erübrigen konnte, für den sollte das eigentlich keine Hürde sein.

Die Nutzerzahlen dümpelten so vor sich hin. Eine neue Funkanalage wurde nur genehmigt, wenn eine alte stillgelegt wurde. So hofften viele, dass es technisch bald besser werden sollte Dieses "bald" dauerte jedoch bis zum Jahr 1985. Mit maximal 27.000 Nutzern verabschiedete man das B-Netz.

Auf der Funkausstellung des Jahres 1985 wurde der Startschuss für das C-Netz gegeben. Das C-Netz arbeitete nach wie vor auf dem analogen Kommunikationsstandard, wobei schon ein bisschen Digitaltechnik dabei war. Neue Schlagwörter machten die Runde. "Es handelt sich jetzt um ein zelluläres Netz", die "Sicherheit wurde erhöht, die Sprache ist jetzt verschleiert" und schließlich sollten die Nutzungsentgelte drastisch sinken. Jetzt zahlte auch nur noch einer - der, der anrief.

Ich erinnere mich noch, dass der Minutenpreis so bei 1,80 DM lag. Das war schon noch happig. Doch die Perspektive war unglaublich. Aus den spärlichen 27.000 Autotelefonieren in Deutschland sollten jetzt 400.000 werden. Für so viele Nutzer war das Netz nämlich ausgelegt.

Die Vision, ein eigenes Telefon für den mobilen Einsatz rückte näher. Schon 1986 gehörten wir zu den Privilegierten, die sich ein Pocky Telefon leisten konnten. Dank kräftiger Subvention der damaligen Post konnten wir Pressemodelle, die eigentlich 10.000 Mark kosteten für 2.400 Mark kaufen. Es war zwar bisher mein teuerstes Telefon - doch wir wähnten uns als Auserwählte im Future Laboratorium. Letztendlich empfanden wir unsere Kaufaktion als äußerst "wohlfeil". Das Netz füllte sich schneller, als man erwartet hat. Für 400.000 User war es ausgelegt. Die 80er Jahre waren wirtschaftlich gesehen noch sehr optimistisch. So kam es, dass nach wenigen Jahren schon wieder von "Netzverstopfung" gesprochen wurde. Ein neues Netz muss her.
Doch auf dem Wege dorthin passierte dann der GAU schlechthin. Für die Planung wurde alles über den Haufen geschmissen. Denn jetzt war das C-Netz gefragt. Es musste die politische Sensation überbrücken: die Wende.


Das berühmte Pocky Handy. Dieser elegante Antennenknick wird wohl kein User vergessen. Doch der Akkuverbrauch war "außerirdisch"

1989 wurde das C-Netz natürlich noch wichtiger. Die Grenze zur DDR wurde geöffnet und wir waren „wiedervereinigt“. Jetzt stellte sich die desolate Situation der DDR heraus: In puncto Telefonie war so gut wie gar nichts los.

Das C-Netz war die einzige Rettung auf die Schnelle. Die vielen, vielen Versicherungsagenten, Makler und Hazadeure, die ausschwirrten, um Ostgeschäfte abzuwickeln, brauchten eine Kommunikationsmöglichkeit, um sich mit  ihren Zentralen auszutauschen zu können.  

Die 400.000 als Limit angegebenen User im Netz waren sofort überschritten. Mit einem technischen Trick konnten die Ingenieure die Verfügbarkeit verdoppeln. Das hieß: Jetzt können 800.000 Teilnehmer verkraftet werden. Das C-Netz boomt und viele Verbindungen kommen einfach durch Überlastung nicht zustande. Dennoch handelt es sich bei der Bundespost immer noch immer um den

Nach A, B und C kommt D im Alphabet. Mit dem D-Netz kam dann erstmals auch ein voll digital betriebenes Netz in die Diskussion. Jetzt waren es nicht mehr Hundertausende, sondern Millionen, die gemeinsam im Netz arbeiten können. Das D-Netz machte auch gleich klar, dass es sich jetzt nicht mehr um ein nationales Netz handelt. Ganz Europa wurde mit einbezogen. Der GSM Standard, der einmal mit einer Arbeitsgruppe namens Groupe Speciale Mobile begann, hat vorzügliche Arbeit geleistet. Viele hervorragende Features wurden eingebaut. Die Datensicherheit wurde drastisch erhöht, wobei gerade jetzt der Sicherheitsstandard in der Diskussion ist. Offensichtlich kann man aufgezeichnete Telefonate im D-Netz offline mit Rechnerkraft entschlüsseln; wahrscheinlich können dies die  Geheimdienste auch schon online bewerkstelligen.


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