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09.09.2016
Politische Ungleichheit bewirkt digitale Ungleichheit (Heinz Schmitz)

Eine Studie des Konstanzer Politologen Prof. Dr. Nils Weidmann stellt die grundsätzliche Sicht auf das Internet als „Befreiungstechnologie“ in Frage

Während des Arabischen Frühlings wurde das Internet als „Befreiungstechnologie“ gefeiert. Gemäß dieser Sicht ermöglicht es mehr politische Transparenz, mehr politische Rechte und mehr Demokratie. Eine interdisziplinäre Studie unter der Leitung des Konstanzer Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Nils Weidmann stellt diese Annahme nun in Frage. Mit Hilfe einer in Zusammenarbeit mit Informatikern der ETH Zürich entwickelten Messmethode konnte nachgewiesen werden, dass politisch ausgeschlossene ethnische Bevölkerungsgruppen deutlich weniger Zugang zum Internet haben als diejenigen Gruppen im selben Land, die politische Macht haben. Somit können ausgerechnet die Bevölkerungsgruppen, die mehr Mitsprache benötigen, deutlich weniger von der politischen Wirksamkeit moderner Kommunikationstechnologie profitieren.

„Politische Ungleichheit wirkt sich auf digitale Ungleichheit aus, indem bestimmte Gruppen digital diskriminiert werden“, sagt Nils Weidmann. Untersucht wurden mehr als 500 ethnische Gruppen, die sich über ihr Siedlungsgebiet erfassen lassen. Bei der Unterscheidung, ob eine solche ethnische Gruppe an der politischen Macht beteiligt ist oder nicht, etwa durch einen Minister im Kabinett, griff die Studie auf die bestehende Ethnic Power Relations (EPR)-Liste zurück.

Neu ist hingegen die Methode, mit der die Studie die Internetdichte in den Regionen der einzelnen ethnischen Gruppen gemessen hat. Zusammen mit Informatikern der ETH Zürich wurden dazu Daten eines großen Schweizer Internetproviders analysiert und eine Methode zur Messung dieser Netzwerkinfrastruktur entwickelt. Aus Daten, die normalerweise ausschließlich für technische Fragestellungen verwendet werden, konnte so in dieser sozialwissenschaftlichen Studie auf die Nutzungsdichte des Internets in der jeweiligen Region geschlossen werden.

Sind ethnische Gruppen von der Macht ausgeschlossen, droht sowohl in Demokratien als auch in Autokratien Benachteiligung beim Internetzugang. Allerdings gibt es in Demokratien nur vergleichsweise wenige dieser ausgeschlossenen Gruppen, so dass die in der Studie nachgewiesene digitale Diskriminierung größtenteils ein Problem in nichtdemokratischen Staaten ist.

Digitale Ungleichheit wirkt sich auf die Bedeutung aus, die das Internet hinsichtlich sozialer Bewegungen hat. Der Erfolg dieser Bewegungen wird grundlegend davon bestimmt, inwieweit diese Unterstützer mobilisieren können. Dies ist bedeutend schwieriger, wenn es keinen oder nur eingeschränkten Zugriff auf das Internet gibt. „Unsere Ergebnisse stellen die Annahme in Frage, dass das Internet in vielen Fällen als Befreiungstechnologie wirkt. Das Internet und soziale Medien sind sehr ungleich verbreitet und folgen existierenden politischen Bruchlinien. Die Gruppen, die das Internet eigentlich bräuchten, verfügen über einen nur eingeschränkten Zugang“, beschreibt Nils Weidmann die Situation.

Die Studie legt nahe, bei der Überlegung, ob und unter welchen Umständen das Internet Katalysator für politischen Wandel in einem Land sein kann, die Rolle der jeweiligen Regierungen mit einzubeziehen. Nur wenn digitale Ungleichheit beseitigt ist, so die Studie, kann das Internet politische und ökonomische Entwicklungen befördern. Schließlich wird vor dem Glauben gewarnt, die ungleiche globale Verbreitung des Internets könne allein durch finanzielle Mittel behoben werden. Auch hier sei zu berücksichtigen, ob die jeweiligen regionalen politischen Akteure diesen Prozess mitgestalten oder nicht.

Originalveröffentlichung
Nils B. Weidmann, Suso Benitez-Baleato; Philipp Hunziker, Eduard Glatz, Xenofontas Dimitropoulos: Digital Discrimination: Political Bias in Internet Service Provision across Ethnic Groups. doi:10.7910/DVN/Y3VPIG

Siehe auch:
https://www.uni-konstanz.de/
http://www.heinz-schmitz.org



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